Warum Widerstand gegen Grundrechtseingriffe auch auf der Tribüne beginnt
„Fußball ist unpolitisch", heißt es oft. Wer einmal im Stadion war, weiß, dass das nur eine Phrase ist. Die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in den USA, Kanada und Mexiko hat eindrücklich gezeigt, dass die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die sich unter anderem durch eine bisher ungesehene Macht Konzentration bei einer kleinen oligarchischen Kapitalistenklasse ausdrückt, auch im Fußball ihren Ausdruck finden: so zum Beispiel als Donald Trump den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino anrief und eine Rot-Sperre gegen den US-Spieler Folarin Balogun aufheben ließ.
Doch warum genau sollte es die Gesamtgesellschaft und insbesondere uns Linke interessieren, was in den Fußballstadien passiert?
„Fußball ist unpolitisch", heißt es oft. Wer einmal im Stadion war, weiß, dass das nur eine Phrase ist. Die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in den USA, Kanada und Mexiko hat eindrücklich gezeigt, dass die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die sich unter anderem durch eine bisher ungesehene Macht Konzentration bei einer kleinen oligarchischen Kapitalistenklasse ausdrückt, auch im Fußball ihren Ausdruck finden: so zum Beispiel als Donald Trump den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino anrief und eine Rot-Sperre gegen den US-Spieler Folarin Balogun aufheben ließ.
Doch warum genau sollte es die Gesamtgesellschaft und insbesondere uns Linke interessieren, was in den Fußballstadien passiert? Weil unser aller Grundrechte auf dem Spiel stehen. Über 6 Millionen Menschen in Deutschland sind Mitglied in einem der insgesamt 27.000 Fußballvereine. Es ist ein Sport, in dem insbesondere Angehörige der arbeitenden Klasse ihre Freizeit verbringen und Gemeinschaft erleben. Allein in der Fußball-Saison 24/25 besuchten mehr als 26 Millionen Menschen Fußballstadien. Gleichzeitig werden genau diese Stadien als Versuchslabore genutzt, um immer weitreichendere Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen zu erproben. Es sollte jedem klar sein: was im Stadion passiert, bleibt nicht im Stadion. Denn morgen landen ebendiese Maßnahmen auf Demonstrationen, der Kirmes oder Konzerten. Der Widerstand gegen anlasslose Massenüberwachung beginnt auf der Tribüne.
Der fortschreitenden Pervertierung, Kommerzialisierung und Versicherheitlichung des Fußballs stehen hierzulande die Fanszenen diametral entgegen. 2024 verhinderten wochenlange Proteste - wir erinnern uns an die Flut an Tennisbällen auf den Spielfeldern - einen Investoren-Einstieg bei der Deutschen Fußball Liga (DFL). Fankurven erfüllen jedoch weit mehr Funktionen, als den Griff der Investoren auf die Vereine zu verhindern. Sie sind Orte der demokratischen Selbstorganisation mit sozialer Funktion. Fangruppen sammelten 20.000 Euro für die Flutopfer im Ahrtal, mobilisierten zu Stammzellenregistrierungen und machten fankurvenübergreifend auf chronisch an ME/CFS erkrankte Fans aufmerksam.
Im Vorfeld der Innenministerkonferenz (IMK) im Dezember 2025 forderten die Innenminister*innen der Länder dann harte Maßnahmen wie personalisierte Tickets, Gesichtsscanner und präventive Stadionverbote – Maßnahmen, die das Ende der Fankultur in dieser Form bedeutet hätten. Erneute Fanproteste, die am 16. November 2025 in einer szeneübergreifenden Demonstration mit rund 20.000 Fußballfans in Leipzig gipfelten, verhinderten diese weitreichenden Überwachungsmaßnahmen vorerst.
Friedrich Merz forderte im September 2025 bei der DFL-Generalversammlung, „das, was von den Fans kommt, einigermaßen unter Kontrolle zu halten“[1]. Es ist immer das gleiche Lied: die Stadien seien angeblich nicht sicher. Das entbehrt jedoch jeglicher Fakten. In der Saison 2024/25 gab es bei Fußballspielen in Deutschland 17,2 Prozent weniger Verletzte, 22 Prozent weniger eingeleitete Strafverfahren und 11 Prozent weniger Polizeiarbeitsstunden als im Vorjahr. Das sind die Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS), der offiziellen Polizeistatistik zum Fußball.[2]
Meine Fraktion hat im Juni daher ein Positionspapier[3] verabschiedet, das für einen Paradigmenwechsel im Fußball stehen soll. Fankultur wird hier nicht mehr als Sicherheitsproblem, sondern als sozialer Akteur wahrgenommen. Zentral ist für uns die Reformierung der Datei „Gewalttäter Sport“, in der jede fünfte Person, die dort derzeit gespeichert ist, keine Straftat begangen hat. Sie ist ein Paradebeispiel für die Vorverlagerung polizeilichen Handelns, bei dem harte Grundrechtseingriffe bereits weit vor einer eigentlichen Straftat umgesetzt werden. Auch wollen wir das Zeugnisverweigerungsrecht für Sozialarbeiter*innen in Fanprojekten. Sozialarbeiter*innen dürfen nicht zu Aussagen über ihre Klient*innen gezwungen werden. Statt Kollektivstrafen und Überwachung fordern wir Dialog auf Augenhöhe. 33 dokumentierte Fälle unverhältnismäßiger Polizeieinsätze in der Saison 2025/26 stellen ein neues Rekordhoch dar.[4]
Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir als Linke haben uns mit dem Thema Fußball in den letzten Jahren schwergetan. Zu groß erschien die Abschreckung zwecks patriarchaler und rechter Strukturen. Dabei finden sich Fans und die Arbeiter*innen-Klasse in denselben Kämpfen wieder. Beide streiten für bezahlbare Teilhabe und sehen sich immer härteren Repressionen ausgesetzt. Man sagt, Fußball sei ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es ist wichtig, dass sich sowohl die Fans in den Stadien als auch die gesamte Bevölkerung gegen diese autoritäre Wende wehren.
Selbstverständlich registrieren wir als die Linke, dass die voranschreitende Rechtsverschiebung auch vor den Kurven keinen Halt macht. Die extreme Rechte hat den Fußball nicht erst seit gestern als Feld für Rekrutierung, Aktion und Vernetzung entdeckt. Dieses Spannungsfeld zwischen repressiver Sicherheitspolitik und extrem rechter Unterwanderung im Fußball ist eine zentrale Schnittstelle, mit der wir uns als Linke in Zukunft ausführlich beschäftigen sollten.
[1] https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/rede-von-bundeskanzler-friedrich-merz-2383038
[2] ZIS-Jahresbericht Saison 2024/2025, Landeszentrum der Polizei NRW (LZPD): https://lzpd.polizei.nrw/sites/default/files/2025-10/251009-1_ZIS-Jahresbericht_2024-2025_2.pdf
[3] https://www.dielinkebt.de/themen/positionspapiere/detail/dialog-statt-repression-fanrechte-schuetzen/
[4] https://www.dachverband-fanhilfen.de/wp-content/uploads/Saisonbericht_Fanhilfen_24_25-final_fix.pdf

